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Stephan Eissler:
Das oc4-Projekt - ein Laboratorium zur Entwicklung nachhaltiger Konzepte für die Wissensgesellschaft
Im ersten Teil dieses Essays wird die Position des oc4 e.V. im Kontext der aktuellen Urheberrechtsdebatte umrissen, um damit die Ausgangspunkte dieses Vortrags zu skizzieren. Die zentralen Punkte des Vortrags selbst werden dann im zweiten Teil vorgestellt.
Einleitung:
Brave Verwertungs-Untertanen oder freie Wissens-Bürger?
Geht es um die zukünftige Infrastruktur einer entstehenden Wissensgesellschaft, dann sollte einem Gesellschaftsbegriff größere Bedeutung beigemessen werden, der - idealerweise - in engem Zusammenhang mit dem der Wissensgesellschaft steht: Der Begriff der Zivilgesellschaft. (siehe http://mailbox.univie.ac.at/haimo.l.handl/zivilg/zivilg.htm). Denn trotz aller gegenwärtiger Erfolge der Verwertungs- bzw. Medienindustrie bei ihren Bemühungen, die Gesetzgebung in ihrem Sinne zu beeinflussen, sollte nicht vergessen werden: Neue Informations- und Kommunikations-Technologien (I&KT) eröffnen vielversprechende emanzipatorische bzw. zivilgesellschaftliche Handlungsspielräume für neue Formen der kollaborativen Erzeugung und der öffentlichen Mitteilung geistiger Produkte. Die Antwort auf die Frage, welchen Charakter die zukünftige Infrastruktur haben wird und nach welchen Regeln sie funktioniert, hängt nicht nur von politischen Entscheidungsträgern, sonder schlicht von uns selbst ab.
Zwar folgt die europäische Richtlinie weitgehend einem Copyright-Prinzip, das in erster Linie dem Schutz der wirtschaftlichen Interessen einer traditionellen Verwertungsindustrie dient, dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die entscheidenden Akteure der Verwertungskette "Produzent - Verwerter - Konsument" im Zeitalter des Internets an deren jeweiligen Enden sitzen. Und beide Enden, Produzenten und Konsumenten, verschmelzen gegenwärtig immer stärker miteinander: Wer Wissensprodukte produzieren will, muss erst Wissen konsumieren; wer Wissen konsumiert, will immer öfter auch das Recht und die Möglichkeit haben, sich in den Produktionsprozess zu integrieren.
Ob - und in welcher Weise - an den zusammenwachsenden Enden der Verwertungskette dieser Bedeutungszuwachs (und damit auch die Verantwortung!) wahrgenommen wird, ist derzeit noch weitgehend offen. Zivilgesellschaft bedeutet eben keineswegs "Alles wird gut"; Zivilgesellschaft heißt vielmehr "Wir haben die Möglichkeit und tragen daher auch Verantwortung". Nicht in erster Linie der Gesetzgeber, nicht die "böse" Verwertungsindustrie. Damit stellt sich im Hinblick auf die zukünftige Infrastruktur unserer entstehenden Wissensgesellschaft nicht nur die Frage nach der Umsetzung einer Europäischen Richtlinie, sondern darüber hinaus auch die Frage, wie wir selbst unsere Rolle in einer zukünftigen Wissensgesellschaft definieren wollen: Als brave Verwertungs-Untertanen, oder als freie Wissens-Bürger? Denn: Die Produzentin kann durchaus wählen, wie, bei wem und ob überhaupt sie ihre Werke verwerten möchte; der Konsument kann versuchen, wo immer möglich, auf freies Wissen zurückzugreifen, anstatt auf ein proprietäres Pendant; der Bürger kann darüber hinaus in vielfältiger Form aktiv solche Initiativen unterstützen, die an einer freien Infrastruktur für die Wissensgesellschaft arbeiten.
Spätestens seit Linux wissen wir, dass der "kleine" Bürger im Internetzeitalter den Interessen großer und finanzstarker Konzerne weniger hilflos ausgeliefert ist, als zuvor. Wir wissen aber auch, dass erst konkrete und vor allem funktionierende Projekte wie Linux eine breite öffentliche Problemwahrnehmung sowie ernsthafte politische Diskurse in Gang setzen - und nicht etwa umgekehrt. Angesichts der gegenwärtigen Versuche der Verwertungsindustrie, mit Paragraphen als Waffe alte Geschäftskonzepte zu verteidigen ist es daher wichtig, die Aufmerksamkeit nicht ausschließlich auf das Terrain der Gesetzgebung zu richten. Denn das hieße, sich den Ort und die Art der Auseinandersetzung durch die Interessen der Verwertungsindustrie diktieren zu lassen. Vielmehr darf darüber nicht vergessen werden,
- funktionierende infrastrukturelle Alternativen zu entwickeln, die den nachhaltigen Umgang mit Wissen erleichtern bzw. fördern;
- darauf aufbauend Konzepte zu entwickeln, die den nutzenmaximierenden Wissensarbeiter zu einem nachhaltigen, freien Umgang mit Wissen animieren;
- in der Gesellschaft das Verständnis für Sinn und Bedeutung eines solchen zivilgesellschaftlichen Engagements zu fördern.
Vortrag:
Das oc4-Projekt als Ideenschmiede und Laboratorium für den Weg in die Wissensgesellschaft
(Ausführl. dazu die Beschreibung des oc4-Projekts: http://www.oc4home.org/publications/?oc4pn=1de)
Mit diesen drei Punkten wären die zentralen Ziele des oc4-Projekts bereits genannt: Wir begreifen dieses Projekt als ein Laboratorium, in dem infrastrukturelle Alternativen entwickelt, Strategien für nachhaltige und nutzenmaximierende Wissensarbeit konzipiert und umgesetzt, sowie die Sensibilisierung des öffentlichen Bewusstseins für zukünftige gesellschaftspolitische Herausforderungen gefördert werden sollen.
Dabei verstehen wir das oc4-Projekt gewissermaßen als "selbstreferentielles" Projekt : Denn ein Ziel des Projekts ist es, selbst die Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Ziele des Projekts erfolgreich verfolgen zu können (siehe Schaubild). So ist beispielsweise das Ziel des oc4-Projekts, eine freie alternative Infrastruktur zu entwickeln, seinerseits Bedingung der Möglichkeit einer erfolgreichen (Weiter-)Entwicklung des oc4-Projekts und seiner Teilprojekte. Von der (Weiter-)Entwicklung des oc4-Projekts bzw. seiner Teilprojekte wiederum sollen die entscheidenden innovativen Impulse für die Entwicklung einer freien Infrastruktur für die Wissensgesellschaft ausgehen...
Inhaltlich-/thematische Struktur des oc4-Projekts: Die vier Teilprojekte
Mit der Idee, nachhaltige Konzepte für zukünftige Wissensarbeit zu entwickeln, setzen wir uns in verschiedenen Teilprojekten auseinander, die sich im Hinblick auf das Gesamtprojekt - Stichwort Selbstreferentialität - gegenseitig bedingen, bzw. ergänzen sollen (siehe Schaubild):
- www.oc4ware.org: Hier geht es um die Entwicklung der Software für die Infrastruktur des oc4-Projekts.
- www.oc4netbusiness.org: In diesem Teilprojekt werden für Free-Lancer und Softwareunternehmen Geschäftskonzepte auf Basis von Open Source/Free Software bzw. allgemeiner: auf der Grundlage eines freien Informationsaustauschs entwickelt.
- www.oc4education.org: In diesem Teilprojekt sollen nachhaltige Bildungskonzepte entwickelt und umgesetzt werden. Dabei geht es nicht nur um Ausbildung, sondern v.a. auch um die Organisation von sinnvollen Weiterbildungskonzepten, die "life-long learning" für alle ermöglichen. Unsere Aufmerksamkeit gilt hier besonders dem Aspekt eines effizienteren und effektiveren intergenerationellen Wissensaustauschs. Nicht zuletzt soll hier eine in jeder Hinsicht freie globale Bildungsbibliothek initiiert werden.
- www.oc4science.org: Im Mittelpunkt dieses Teilprojekts steht die Vision des freien Informationsaustauschs in einer globalen sicientific community, indem diese über eine freie Infrastruktur zu einer freien virtuellen Wissenschafts-Bibliothek vernetzt wird.
Technisch- / organisatorische Struktur des oc4-Projekts: Das oc4-Netzwerk
(Unter dem oc4-Netzwerk verstehen wir die Summe aller technischer (Software) und sozialer (Grundsätze, Organisationsprinzipien, Regeln) Koordinationsmechanismen, die dezentrales und selbstorganisiertes Arbeiten im oc4-Projekt ermöglichen; ausführliche Beschreibung des oc4-Netzwerks:http://www.oc4home.org/publications/?oc4pn=4de)
Entlang der Frage "welche Anreize können wir schaffen, um den Aufbau eines freien virtuellen Arbeits- und Bibliotheks-Netzwerks für die Wissenschaft zu fördern?", wollen wir nun einige konzeptionelle Besonderheiten des oc4-Netzwerks vorstellen.
Leitidee bei der Entwicklung des oc4-Netzwerks ist es, ein Gravitationszentrum für den freien Austausch wissenschaftlicher Informationen zu schaffen. Ein solches Gravitationszentrum würde sich dadurch auszeichnen, dass es nutzenmaximierende Wissensarbeiter zur Arbeit in diesem freien Netzwerk veranlasst. Eine Voraussetzung hierfür wäre beispielsweise, dass der Nutzen des Netzwerks mit jedem neuen Teilnehmer für alle deutlich gesteigert werden kann (sogenannte "positive Netzeffekte"). Ob dies gelingen kann, ist zum einen eine Frage der technisch-/organisatorischen Konzeption (mit der wir uns hier im weiteren beschäftigen wollen), zum anderen aber auch eine zivilgesellschaftliche: Kann eine notwendige "kritische Masse", bestehend aus problembewussten und engagierten Wissenschaftlern, erreicht werden, die zur Initiation eines solchen Gravitationszentrums notwendig wäre?
Doch wenden wir uns nun den technisch-/ organisatorischen Voraussetzungen zu, die unserer Meinung nach die Bildung eines solchen Gravitationszentrums für freien wissenschaftlichen Informationsaustausch begünstigen:
Hohe Skalierbarkeit der oc4ware
Eine wichtige technisch-/ konzeptionelle Voraussetzung zur Ermöglichung positiver Netzeffekte ist eine außergewöhnliche Skalierbarkeit der oc4ware. Diese ermöglicht es beispielsweise, ein autonomes Portal aufzubauen und dieses in ein u.U. komplexes Portalsystem zu integrieren. Durch diese Integration in ein Portalsystem erschließt sich für das Portal ein deutlicher Mehrwert, indem das Portal einerseits nach wie vor als Portal alle Anforderungen und Funktionen autonom erfüllen kann und gleichzeitig in der Serverarchitektur eines u.U. komplexen Portalnetzwerks selbst nur als Content-Base dient, während das oc4-Netzwerk als ganzes wie ein Portal funktioniert:
Hohe Flexibilität der oc4ware
Hohe Flexibilität bei der Abbildung organisatorischer und inhaltlicher Zusammenhänge: Oben wurde bereits erwähnt, dass das oc4-Netzwerk als ganzes wie ein Portal funktioniert. Einzelne Organisationseinheiten (Journale, Lehrstühle, Institute usw.) eines u.U. globalen Netzwerks lassen sich dabei nach unterschiedlichen inhaltlichen oder organisatorischen Zugehörigkeitskriterien zu dynamisch erstellten Portalen kombinieren. Beispiel: Ein Soziologie-Lehrstuhl der Universität xy, der sich dem Bereich der Wissenschaftssoziologie zuordnen lässt, und sich dort mit dem Thema "Die Gesellschaft auf dem Weg in die Wissensgesellschaft - Auswirkungen auf die Organisation wissenschaftlicher Wissensproduktion" aus systemtheoretischer Sicht beschäftigt, könnte demnach Bestandteil folgender dynamisch erstellter Portale sein:
- Portal der Universität xy;
- Portal für Sozialwissenschaften und/ oder Soziologie;
- Portal zum Thema Wissensgesellschaft;
- Portal zum Thema autopoietische Systemtheorie.
Hohe technische Flexibilität: Die Konzeption der oc4ware und insbesondere der Server-Architekur des oc4-Netzwerks ermöglicht eine einfache Erweiterung des Netzwerks um neue technische Anwendungen, ohne dass dies für die Teilnehmer des Netzwerks mit einem nennenswerten administrativen Aufwand verbunden wäre. Ermöglicht wird dies durch eine flexible Server-Architektur, bestehend aus Content-Portalen und funktionalen Servern.
Diese Server-Architektur erlaubt auch die Steigerung des Mehrwerts des oc4-Netzwerks durch die Nutzung enormer Synergieeffekte, ohne dass dies mit nennenswertem Mehraufwand der Netzwerkteilnehmer verbunden wäre. Vielmehr sollen diese Synergieeffekte alleine durch alltägliche wissenschaftliche Arbeit entstehen können. Hier sollen nur zwei Beispiele genannt werden:
Nutzung von Synergieeffekten im oc4-Netzwerk
oc4 bibliography: Alle Wissenschaftler müssen im Zuge ihrer Arbeit ständig Literaturlisten anlegen bzw. pflegen. Die oc4ware kann Literaturangaben im Text erkennen und auf einem funkionalen Server die Literaturverwaltung des gesamten oc4-Netzwerks bündeln.
- Zum einen wird dadurch die Literaturverwaltung für Autoren insgesamt vereinfacht.
- Zum anderen steigt mit jeder neuen Publikation, die erstellt wird, der Nutzen der Bibliographie-Datenbank für alle Wissenschaftler des Netzwerks. Denn Literaturangaben zu einer Publikation müssen nur einmal eingegeben werden, anschließend können alle anderen Autoren darauf zurückgreifen.
- Drittens schließlich lassen sich durch diese zentrale Bibliographie-Verwaltung interessante Erkenntnisse gewinnen: Z.B. lässt sich einfach ermitteln, welcher Autor im oc4-Netzwerk wie oft zitiert wird, wie oft eine bestimmte Publikation zitiert wird, wie oft die Publikationen eines bestimmten Lehrstuhls, Instituts oder gar einer bestimmten Universität zitiert werden usw. usf.
oc4 lexicon: Die definitorische Auseinandersetzung mit bestimmten Begriffen gehört im wissenschaftlichen Lehr- und Forschungsbetrieb zur alltäglichen Arbeit eines jeden Wissenschaftlers. Gegenwärtig wird ein Tool entwickelt, mit dem die oc4ware Begriffs-Definitionen als solche in Publikationen erkennen und auf dem funktionalen Server "oc4 lexicon" speichern kann. Mit jeder wissenschaftlichen Arbeit, die im oc4-Netzwerk veröffentlicht wird und Begriffs-Definitionen enthält, wächst der Bestand an Definitionen und damit der Nutzen dieses "oc4 lexicon" für alle Wissenschaftler und Leser des Netzwerks:
- Indem man die Möglichkeit hat, auf Begriffsdefinitionen des "oc4 lexicon" zurückzugreifen, vereinfacht sich das Erstellen eines Glossars.
- Um die Beziehung zwischen Begriffen darzustellen und beschreiben zu können, können Begriffe im "oc4 lexicon" nicht nur verlinkt, sonder diese Links zusätzlich mit bestimmten Informationen versehen werden. Solche Begriffsbeziehungen könne dann u.a. in Schaubildern visuell vermittelt werden.
- Für alle Interessierten entsteht so ein freies wissenschaftliches Nachschlagewerk, das die Möglichkeit bietet, sich einen einfachen Überblick über unterschiedliche Definitionen eines Begriffs zu verschaffen und diese bei Interesse in angegliederten Foren zu diskutieren.
Schon diese beiden Beispiele zeigen, wie bei freiem Informationsaustausch - ohne zusätzlichen Aufwand, nur durch das Ausführen alltäglicher wissenschaftlicher Arbeit! - ein zusätzlicher Mehrwert für alle Beteiligten geschaffen werden kann, wobei dieser Nutzen mit jedem weiteren Akteur für das gesamte Netzwerk steigt.
In diesen positiven Netzeffekten, die durch innovative Konzepte in einem innovativen und flexiblen Netzwerk erzeugt werden können, sehen wir die Chance, einer freien Infrastruktur für Wissenschaft und Bildung zum Durchbruch zu verhelfen. Vielleicht ein Durchbruch ohne nennenswerte Unterstützung des Gesetzgebers, aber mit Hilfe zivilgesellschaftlichen Engagements und der Einsicht nutzenmaximierender Wissenschaftler; der Einsicht, dass erst der freie Austausch von Informationen in einer freien Infrastruktur ideale Rahmenbedingungen für Wissensarbeit schaffen kann.
Digitales Urheberrecht
Zwischen "Information Sharing" und "Information Control"
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